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Volker Blumenthaler

Publikationen / publications


Komponieren für Kayagûm

Für das CrossSound-Festival in Juneau/Alaska wurde ich im Jahr 2000 gebeten, eine Komposition für Erhu und Koto schreiben. Das war meine erste direkte Begegnung mit ostasiatischen Instrumenten. Markant war die Erfahrung, dass westliche Vorstellungen von Artikulation, Agogik, Tempo und Rhythmus, nicht direkt auf diese Instrumente und ihre Spieler übertragbar sind. Als ich ein Jahr später von Jocelyn Clarke angeregt wurde, ein Solostück für ihr Instrument, die koreanische Wölbbrettzither Kayagûm zu komponieren, musste ich lernen, dass alles was ich über das Kotospiel schon wusste, sich praktisch nicht auf das koreanische Instrument übertragen ließ.

Die Differenz der beiden Kulturen spiegelt sich auch in ihren Instrumenten hörbar wider. Die Kayagûm hat nicht nur eine völlig eigene Klanglichkeit und Geschichte, sondern auch eine sehr spezifische Spielweise. Da die Saiten mit der Fingerkuppe der rechten Hand gezupft oder mit geschnalzten Fingernägeln leicht angerissen werden, während die linke Hand die Saiten niederdrückt, um ein Glissando oder Vibrato zu erzeugen, produziert das Instrument einen leisen und intimen, fast singenden Klang. Man kann sicher sagen, dass die Kayagûm ein melodisches Instrument mit geradezu erotischer Intensität ist. Harmonisches Spiel, obwohl technisch machbar, ist dagegen eher untypisch. Man erlebt die Tonhöhengestaltung als ein ständiges Durchgangsstadium zwischen Tönen. Linien in Bewegung, wie der Pinsel eines Malers. Exaktes Tonhöhendenken gepaart mit westlicher Rhythmik mit komplexen Unterteilungen ist einem Spieler dieses Instruments ziemlich fremd.

Es galt also eine Notation zu finden, die die spezifischen Stärken von Spielerin und Instrument zum Tragen bringen kann. Heraus kam „Che sta così“ - der Titel bezieht sich auf den Renaissance-Maler Pontormo -, ein Stück, das in einer offenen Weise, teils grafisch, notiert ist. Zeitlich ist es in unterschiedliche Zeitraster unterteilt, die der Spielerin trotz genauer Zeitangaben einen gewissen Gestaltungsspielraum zuerkennen. Damit entsteht eine Art „Fliessen“, Töne und musikalische Phrasen gleiten ineinander. Im Endeffekt erreichte ich somit eine größere „Genauigkeit“ und Nähe zu meinen kompositorischen Absichten als durch eine westlich hochdifferenzierte Schreibweise. 

veröffentlicht in:
Neue Zeitschrift für Musik-Das Magazin für Neue Töne, Nr.5 September/Oktober 2006