Volker Blumenthaler

Tableaux fugitives

nach Charles Baudelaire für Alt und kleines Orchester ( 1988 )

Eine Gedankenskizze

Am Anfang und Ende die einsame Stimme: Ritual der Einsamkeit, autistisch.

Klang und Melodisches bilden zunächst ein eher zufälliges Arrangement der Begegnung. Wie graphische Linien durchdringen sich die Abläufe. In ihrem Eigenleben formen sie manchmal eine fast beiläufige, surreale Resonanz auf die Textfragmente aus den "Fleurs du Mal”.

Inmitten der Klanglandschaften, der lärmenden Klangwelt: die Stimme, eine Insel im Raum, wie verloren, verwehend.

Un palais infini. Endloser Raum, ein Babylon der Treppen und Kaskaden. Baudelaire öffnet sein Bewußtsein den Schatten und dunklen Träumen. Das Besondere liegt im Ausleben, im Zulassen des dunklen Traums. Gestalterisch bedeutet das auch ein Ausbrechen ins Bizarre. Bei ihm kommt noch eine kritische Komponente hinzu: Das Häßliche und Deformierte steht neben dem Wunderbaren; das Giftige, das Ungesunde trägt auf provozierende Art Züge des Schönen; die Hohlwelt des bürgerlichen Scheins wird in ihrer Brüchigkeit entlarvt. Die Phantasielandschaft in diesen Texten ist eine seltsam kalte, menschenleere Welt, in der allenfalls Lemuren und Titanen ihr Zuhause haben, umgeben von Metallmauern mit einer Corona aus zu Kristallschleiern erstarrten Wasserfällen. Gleißende Helle, Riesenfrauen, Flüsse aus Rubin. Keine Sterne, keine Sonne. Der Horror der Schönheit. Der Glanz des Todes. Todeswelt.

An vergessenem Ort immer noch die Stimme der Sphinx.

Text zu Tableaux fugitives

Charles Baudelaire:

Übersetzung:

J´ai plus de souvenirs que si j´avais mille ans

Mich drücken Traumeslasten, als schleppt‘ ich
tausend Jahre.

Un gros meuble à tiroirs encombré de bilans.

Ein mächtiges Möbelstück, die Schubläden voll
mit Abrechnungen.

Un éclair...puis la nuit! - Fugitives beauté.

Ein Blitz...dann Nacht! - Ein Hauch von
Schönheit, verweht.

Célèbre évaporée
Que Tivoli jadis ombragera dans sa fleur.

Verblichene Schöne,
Deren Ruhm einst in Tivolis Nächten blühte.

Je suis un cimetière abhorré dans la lune
Où gît tout un fouillis des modes surannées.

Ich bin ein Totenacker dem Mond ein
Schrecken,
Ein Haufen abgelegter Plunder
liegt da herum.

Babel d´escaliers et d´arcades,
C´était un palais infini,
Plein de basins et de cascades,
Tombant dans l´or mat ou bruni;

Ein Babylon der Treppen und Arkaden,
Endlos erschien mir der Palast,
Voll Wasserbecken und Kaskaden,
Matt oder blank, in Gold gefaßt.

Et des cataractes pesantes,
Comme des rideaux de cristal,
Se suspendaient, éblouissantes,
À des murailles de métal.

Und schwere Wasserfälle,
Wie Schleier aus Kristall,
Hingen, gleißend helle,
An einem Bollwerk aus Metall.

C´étaient des pierres inouiës
Et des flots magiques;

Unfaßbare Steine,
Fluten aus Magie;

Nul astre d´ailleurs, nuls vestiges
De soleil, même au bas de ciel;

Kein Stern, nirgends,
Selbst von der Sonne keine Spur,
Am Himmelsgrund;

Et tout, même la couleur noire,
Semblait fourbi, clair, irisé;

Alles, selbst das tiefste Schwarz,
Schien blank und schillernd hell;

Architecte de mes féeries,
Je faisais, à mon volonté.

Erbauer dieser Zauberwelten,
meinem Kopf entsprungen, war ich.

Un vieux sphinx ignoré du monde insoucieux,
Oublié sur la carte.

Uralte Sphinx. An einem vergessenen Ort
Verkannt von einer schnöden Welt.